In Berlin gibt es einen Ort, an dem die Stadt ihren Rhythmus verlangsamt, nur um dann wieder zu beschleunigen. Dort herrscht nicht der Lärm der Autobahnen, sondern das verhaltene, angespannte Atmen der Pferde und die auf die Bahn gerichteten Blicke. Das ist die Trabrennbahn Mariendorf, eine legendäre Arena des Trabrennsports, die seit vielen Jahren im Takt mit dem Puls des sportlichen Berlins schlägt. Hier gibt es keinen Luxus wie in Hoppegarten und keinen Glanz der Aristokratie – alles dreht sich um Tradition, Ausdauer und unbedingte Leidenschaft. Mariendorf wurde zu einem Kraftort für diejenigen, die nicht so sehr die Geschwindigkeit schätzen, sondern den Rhythmus und den Charakter. Genau dort wird das Deutsche Traber-Derby geboren und der Geist eines anderen Berlins spürbar – eines sportlichen, hartnäckigen, echten. Mehr dazu auf berlinfuture.eu.
Berliner Pferdemagie

Alles begann im 19. Jahrhundert, als Berlin eine ganz andere Stadt war – ohne den Lärm von Autos, Leuchtreklamen und den modernen Rhythmus einer Metropole. Damals erwachte die preußische Hauptstadt gerade aus den turbulenten Jahren der Napoleonischen Kriege. Und genau dann, in den Morgennebeln des Tiergartens, ertönte zum ersten Mal das dumpfe Hufgetrappel, das das kulturelle Gesicht der Stadt verändern sollte. Es waren nicht nur Spaziergänge oder Militärübungen, sondern die ersten organisierten Pferderennen in der Geschichte Berlins, die 1822 stattfanden. Die damalige Elite – preußische Offiziere und Adlige, inspiriert von der englischen Mode – beschloss: Auch die Hauptstadt Preußens verdient ihre eigenen Rennen. Denn das war etwas Elegantes, Aufregendes und Edles.
Die Strecken waren noch nicht angelegt. Alles fand auf offenen Flächen statt – hauptsächlich im Tiergarten, dem ehemaligen königlichen Jagdrevier. Die Zuschauer waren diejenigen, die an Musketen und Manieren gewöhnt waren, aber nach neuen Eindrücken suchten. Wetten, Adrenalin, der Geruch von Leder und Pferdeschweiß, der Rausch des Sieges – all das begann gerade erst, eine neue städtische Tradition zu formen. Die Wettbewerbe gewannen schnell die Unterstützung des königlichen Hofes, insbesondere von König Friedrich Wilhelm III. Die Rennen wurden nicht nur zur Unterhaltung, sondern auch zum Symbol für Prestige, Zugehörigkeit zu den höheren Kreisen und einer Möglichkeit, seine Pferde und damit auch die eigene Macht zu demonstrieren. Genau mit diesen bescheidenen, aber leidenschaftlichen Wettkämpfen begann die Geschichte des Pferdesports in Berlin.
Wie Mariendorf zum Symbol der Stadt wurde
Im Frühling 1913 wurden die Pferde auf den Straßen Berlins allmählich von motorisierten Kutschen, Autos und Straßenbahnen verdrängt. Doch während sie vom städtischen Pflaster verschwanden, war auf den Rennbahnen das Gegenteil der Fall. Am 9. April eröffnete im südlichen Mariendorf die modernste Trabrennbahn Deutschlands. Das Ereignis war nicht nur sportlich, sondern wurde zu einem wahren gesellschaftlichen Triumph. Es war eine Zeit, in der Pferdesport, Architektur und Berliner Stil zu einer Einheit verschmolzen.
Preußische Offiziere marschierten in Paradeuniformen über die Bahn, als stünden sie vor dem Kaiser selbst. Der Berliner Polizeipräsident von Jagow blickte durch sein Monokel in die Menge. Prinz Oskar von Preußen zog seinen Zylinder, und die Damen machten einen Knicks und strahlten Eleganz aus. Die Tribünen erinnerten an Theaterlogen, das Teehaus an eine elegante Kulisse, und der Zielturm wurde von August Endell selbst entworfen – einem in ganz Deutschland bekannten Modernisten. Die Architektur diente nicht nur der Schönheit, sondern auch der Präzision, um im entscheidenden Moment des Rennens keinen Fehler zuzulassen. Damals gewann der Hamburger Traber Charlie Mills.
Mariendorf und sein Platz im Herzen Berlins
Nach dem Ersten Weltkrieg begann sich Mariendorf zusammen mit seinem Publikum rasant zu verändern. Die eleganten Gäste machten Platz für Tausende von gewöhnlichen Berlinern, die ihr Glück am Totalisator suchten. Der „Teufel Toto“, wie die Buchmacherwetten getauft wurden, erfasste immer mehr Besucher. Einige gewannen, die meisten verloren. Die Rennbahn wurde zum Spiegel der städtischen Hoffnungen und Enttäuschungen.
Im Jahr 1921 beschrieb der Journalist Adolf Stein in der „Täglichen Rundschau“ die typischen Figuren der neuen Rennbahnmode als Dandys in Lackschuhen, violetten Seidenstrümpfen und engen Hosen mit Umschlag. Das waren die Neureichen, die nicht des Sports wegen auf die Rennbahn kamen, sondern um ihren Status zu demonstrieren und eine Chance auf schnelles Geld zu ergreifen. Einige Deutsche waren davon fasziniert, andere irritiert.
Der brillante Beobachter der Epoche, Siegfried Kracauer, besuchte das alte Mariendorf im Jahr 1930. Er schrieb, dass am Zielort Straßenbahnen, Busse und Autos im Stau standen, die Menschen unter der Hitze litten, sich aber an die Löcher im Zaun drängten, um wenigstens einen Blick auf die Rennen zu erhaschen. In den Jahren, als Berlin noch ein Vorkriegsleben führte, stand die Trabrennbahn Mariendorf auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. Einer, der zu diesem Aufschwung beitrug, war der jüdische Intellektuelle, Verleger und Trabrennsportfan Bruno Cassirer. Er investierte nicht nur Geld in die Rennbahn, sondern auch seinen Glauben an die Kultur der Bewegung, des edlen Sports und der Traditionen, die nichts mit Ideologien zu tun hatten.
Eine Rennbahn, die die Stürme überlebte

Doch als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, war die Trabrennbahn Mariendorf nur noch für Auserwählte zugänglich. Bruno Cassirer war gezwungen, nach Oxford zu fliehen und sein Zuhause und seinen Traum zurückzulassen. Von da an vergnügten sich NS-Funktionäre auf den Tribünen von Mariendorf, bis die Bomben im Zweiten Weltkrieg die Sportanlagen in Schutt und Asche legten. Die Rennbahn wurde beschädigt, aber die Rennen liefen bis 1945 weiter. Sie wurden zu einer Art Morphin für die erschöpfte Stadt. Berlin brannte, aber auf der Bahn liefen die Traber, denn die Machthaber glaubten, solche Spektakel seien lebenswichtig, um den Geist der Nation aufrechtzuerhalten.
Nach dem Krieg lag die Stadt in Trümmern. Es mangelte an Brot. Doch der Journalist Kurt Bading und der Bäcker Paul Holz dachten nicht nur ans Überleben, sondern träumten davon, Berlin seine Seele zurückzugeben. Und sie beschlossen, mit den Rennen zu beginnen. Sie wandten sich an die sowjetische Militärverwaltung mit einem unerwarteten Vorschlag: die Rennen wieder aufzunehmen, damit die Steuern aus dem Totalisator für den Wiederaufbau der Stadt verwendet werden könnten. Die Idee schien kühn, aber überzeugend, und der Stadtkommandant Nikolai Bersarin stimmte zu.
Von den Bomben zum Glanz des „Blauen Bandes“

Bereits im Juni 1945 begann der Journalist Kurt Bading mit der Suche nach Pferden. Die meisten von ihnen hatten die sowjetischen Truppen bereits als Kriegsbeute in die Ukraine geschickt. Aber 45 Traber waren noch in den Ställen von Mariendorf geblieben – abgemagert, knochig, vergessen. Bading kümmerte sich um sie wie um Kinder. Da die Trabrennbahn Mariendorf selbst zerstört war und im zukünftigen amerikanischen Sektor lag, beschloss das sowjetische Kommando, die ersten Nachkriegsrennen in Karlshorst durchzuführen.
Doch in den Nachkriegsjahrzehnten erholte sich die Trabrennbahn Mariendorf wieder. Ab 1952 fand hier jedes Jahr am letzten Tag der Derby-Woche das Deutsche Traber-Derby statt – das Hauptereignis für dreijährige deutsche Traber. Der „Kampf um das Blaue Band“ zog nicht nur Pferde, sondern auch das Publikum an – Fans, Romantiker, Skeptiker, Träumer. Es war ein neuer Aufschwung – leise, hartnäckig und beständig.
Die Rennbahn wurde schrittweise modernisiert. Die Endell-Tribüne, benannt nach dem Architekten, der sie noch vor dem Krieg entworfen hatte, blieb ein architektonisches Juwel und bot Platz für 2000 Zuschauer. In den Jahren 1944-1946 entstand die erste von zwei überdachten Tribünen. Und 1972 wurde ein neues fünfstöckiges Hauptgebäude mit einer Glasfassade errichtet – ein Symbol der Modernisierung, das bis zu 5000 Gäste aufnehmen konnte. Seine transparenten Wände zeugten davon, dass die Tradition nicht nur überlebt hatte, sondern sich auch transformiert hatte.
Von der Tradition zur Moderne

Auf dieser Bahn finden jedes Jahr über 650 Rennen statt, und jedes davon fühlt sich an wie das Finale eines großen Spiels. Aber es geht nicht nur um den Sport. Mariendorf ist auch eine der schönsten Rennbahnen Deutschlands, wo Geschichte und Ästhetik zu einem eindrucksvollen Muster verwoben sind. Auf dem 24 Hektar großen Gelände befinden sich 32 Ställe im Schatten von Kastanienbäumen. Sie werden als architektonische Symphonie bezeichnet, in der Fachwerkbauten an leichte, moderne Holzkonstruktionen grenzen. Hier können über 800 Pferde untergebracht werden. Über all dem thront die im Jugendstil erbaute Tribüne, die den Zweiten Weltkrieg überstanden hat und mit ihren eleganten Linien beeindruckt.
Einst sang man über Mariendorf, dass man „noch einen Koffer in Berlin“ habe und es einen immer wieder dorthin ziehe, und das war kein Witz. Denn bei dieser Rennbahn geht es um mehr als nur um Pferde. Es ist ein Ort, an dem sich die Aufregung der Zuschauer mit dem Duft von Heu und der Hoffnung auf Glück vermischt, ein Ort, der einem das Gefühl gibt, dort zu sein, wo man immer sein wollte. Mariendorf ist der Puls der Geschichte, ein Raum, in dem Berlin seinen Lauf fortsetzt – mal in Richtung Illusion, mal in Richtung Freiheit. Und jeder Hufschlag ist ein Echo und eine Bestätigung dafür, dass diese Stadt niemals aufgibt.
Quellen:
- https://www.visitberlin.de/en/trabrennbahn-mariendorf
- https://www.berlin.de/en/attractions-and-sights/3561226-3104052-mariendorf-racecourse.en.html
- https://www.spiegel.de/geschichte/alltag-im-zweiten-weltkrieg-a-948178.html
- https://www.gettyimages.co.jp/%E5%86%99%E7%9C%9F/trabrennbahn-berlin-mariendorf