Für das deutsche Online-Video ist Christoph Krachten eine Figur der Übergangszeit. Er wechselte aus der Welt des analogen Fernsehens in die digitale Ära, erlebte den Aufstieg der großen YouTube-Netzwerke und wurde Zeuge, wie sich die Plattform von einem Experiment zu einer Industrie mit knallharten Regeln wandelte. Genau diese Erfahrung – vom Fernsehstudio bis hin zu den Algorithmen – erklärt, warum er gleichzeitig mit dem Erfolg von YouTube in Deutschland und dessen lautstärkster Kritik in Verbindung gebracht wird. Mehr dazu auf berlinfuture.
Interessanterweise ist Christoph ebenso eng mit Berlin verbunden wie mit YouTube. Im Stadtteil Berlin-Wedding gibt es eine Bar von Christoph Krachten, und er selbst tritt immer häufiger als öffentlicher Kommentator des Wandels in den digitalen Medien auf. Doch die Geschichte dieses YouTubers begann nicht erst im Zeitalter der Influencer. Um zu verstehen, warum seine Stimme in Diskussionen über YouTube so viel Gewicht hat, muss man einige Jahrzehnte zurückblicken.
Über die Arbeitsweise der ersten YouTube-Netzwerke

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Für die meisten Nutzer ist YouTube ein Bildschirm und ein Abonnieren-Button. Für Krachten ist es ein System, das er von innen heraus studierte, lange bevor die Plattform zum Massenphänomen wurde. Während eine neue Generation gerade erst Online-Stars für sich entdeckte, arbeitete er bereits daran, wie genau diese Stars entstehen, wachsen und wieder verschwinden. Diese Erfahrung führte Christoph schließlich zur Gründung eines der ersten großen Netzwerke für YouTuber in Deutschland – Mediakraft Networks, das die Spielregeln für den lokalen Markt definierte. Doch mit der Zeit begann sich Krachtens Rolle zu wandeln.
Er gab sich nicht mehr damit zufrieden, nur Produzent von Formaten zu sein, und begann zunehmend, die Plattform öffentlich zu kritisieren. Seine Beteiligung an der Initiative Fairtube erklärte Christoph als Reaktion auf systemische Probleme bei YouTube. Und davon gab es reichlich: die Abhängigkeit der Schöpfer von den Google-Algorithmen, intransparente Monetarisierungsregeln und das Fehlen eines echten Dialogs zwischen der Plattform und den Creatorn. Da sich auch die Gewerkschaft IG Metall dem Prozess anschloss, wurde Fairtube zum ersten Versuch, YouTuber nach gewerkschaftlichem Prinzip zu organisieren. Für viele war diese Position überraschend, da ein Akteur, der die Branche mitaufgebaut hatte, plötzlich begann, deren Mechanismen offen zu kritisieren.
Wie Christoph Krachten startete
Krachten, der 1963 geboren wurde, betrat die Medienwelt noch in der Ära des analogen Fernsehens. Er studierte Volkswirtschaftslehre und Pädagogik an der Universität zu Köln und ging danach zum WDR (Westdeutscher Rundfunk). Ein junger Mann ohne Beziehungen und Status, „mit Führerschein und Abitur“ – wie er später selbst scherzte. Er begann beim Radio, schloss sich schnell der Mediengewerkschaft VRFF an und fand sich bereits in den 1990er Jahren im Zentrum der Fernsehproduktion wieder. Er arbeitete an Sendungen wie Schreinemakers Live und Parlazzo. Damals garantierte das Fernsehen stabiles Geld; in Interviews erinnerte sich Christoph Krachten daran, dass er bis zu 4000 D-Mark pro Woche verdiente.
Doch Ende der 1990er Jahre begann ihn der Fernsehalltag zu langweilen. Krachten verhehlte nicht, dass ihm ein Großteil des damaligen Programms leer und mechanisch vorkam. Den Ausweg sah er nicht in einem anderen Fernsehsender, sondern im Internet. Im Jahr 2006 startete Christoph die Online-Talkshow Clixoom – zunächst als unabhängige Website mit eigenem Werbemodell. Später zog das Projekt auf YouTube um, wo das Format der Interviews mit bekannten und weniger bekannten Gästen schnell an Popularität gewann. Genau dort tauchten an der Seite von Krachten die ersten Stars der Plattform auf, darunter Simon Desue. Und Clixoom verwandelte sich allmählich von einem Experiment in eine vollwertige Medienmarke.
Die Karriere von Christoph Krachten

Sogar kleine Details aus dieser Phase im Leben des YouTubers wurden Teil seines öffentlichen Images. Das Karohemd, das Christoph in den ersten Folgen oft trug, war nicht als Marke geplant. Es entstand zufällig – als Scherz und Verkettung von Umständen –, doch später wurde das Kleidungsstück zu einem erkennbaren Bestandteil seines Auftretens. Allmählich formte sich sein Weg: vom Fernsehreporter zu einem der Akteure, die am besten wissen, wie YouTube funktioniert und warum dieses System diejenigen, die darin arbeiten, gleichzeitig anzieht und enttäuscht.
Die Karriere entwickelte sich rasant. Das 2010 von Christoph Krachten gegründete Projekt Mediakraft Networks war ursprünglich als Instrument für das Wachstum von Autoren und der Plattform gedacht. Das Modell übernahm er aus den USA: Große Netzwerke nehmen YouTube-Kanäle unter ihre Fittiche, helfen bei Produktion, Marketing sowie Monetarisierung und erhalten im Gegenzug einen Anteil an den Einnahmen. In der deutschen Realität funktionierte das schnell. Mediakraft entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zu einem Unternehmen mit fast 150 Mitarbeitern und wurde zu einem der einflussreichsten Akteure des lokalen YouTube-Marktes. In dieser Zeit erlangten Comedy-Kanäle wie Die Lochis, Y-Titty und ApeCrime breite Anerkennung.
Der Kampf der YouTuber um die Spielregeln
Doch Christophs Erfolg hatte auch eine Kehrseite. Je professioneller der Webvideo-Markt wurde, desto sichtbarer wurde seine Kommerzialisierung. Die Werbeeinnahmen begannen zu schwanken, und immer mehr YouTuber wandten sich dem Product Placement als stabiler Einnahmequelle zu. Im Jahr 2014 konnte das Comedy-Trio Y-Titty Medienberichten zufolge rund 50.000 Euro für eine einzige Integration erhalten. Um solche Fälle entstanden Diskussionen und Vorwürfe, die der Inhaber von Mediakraft öffentlich zurückwies. Gleichzeitig wuchsen die Spannungen zwischen dem Netzwerk und einem Teil der Autoren: YouTube-Stars verließen das Unternehmen und beklagten sich über harte Verträge, mangelnde Unterstützung und den Verlust der Kontrolle über ihre eigenen Inhalte.
Im Jahr 2014 verließ Christoph Krachten Mediakraft, blieb aber Aktionär. Tatsächlich schloss er dieses Kapitel seiner beruflichen Tätigkeit jedoch für sich ab. Danach distanzierte er sich von Branchenthemen und strukturierte seinen eigenen Kanal in Richtung wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Inhalte um. Er interessierte sich zunehmend für Fragen, die über die Plattform hinausgingen: Klimawandel, Elektromobilität, der Einfluss von Technologien auf die Gesellschaft. Er vergaß auch das Phänomen der sogenannten „wütenden weißen Männer“ und die Radikalisierung von Online-Diskussionen nicht. Im Jahr 2014 benannte er den Kanal Clixoom in Science and Future um, was ein deutliches Zeichen für die Verschiebung seiner Prioritäten war.
YouTube, Bücher und Offline-Events

Parallel dazu blieb dieser YouTuber in der Öffentlichkeit aktiv. Im Jahr 2012 moderierte er die Verleihung des „German Web Video Award“, und 2013 veröffentlichte er sein erstes Buch „YouTube: Unterhaltung und Erfolg mit Online-Video“, das sich mit der Mechanik der Plattform befasste. Später folgten weitere Bücher – über Weltraumreisen und Tesla –, was Christophs Abkehr vom klassischen Mediengeschäft zugunsten seiner Interessen für Technologie und Zukunft unterstrich.
Doch Krachten begeisterte sich nicht nur für das Online-Leben. Er war einer der Organisatoren der VideoDays, einer Großveranstaltung für YouTuber, die parallel zur Messe „Gamescom“ in Köln stattfand. Doch trotz der Beliebtheit bei Fans und Creatorn wurden die VideoDays 2017 eingestellt. Forscher merkten an, dass dies ein markantes Beispiel dafür war, wie schnell sich das digitale Ökosystem verändert.
Die Stimmen der deutschen YouTuber

Die größte Popularität in Deutschland erlangte Krachten im Jahr 2019, als er der damaligen Bundesjustizministerin Katarina Barley die Online-Petition „Wissenschaft ist die beste Petition“ überreichte. Das Dokument wurde von 4,7 Millionen Nutzern unterzeichnet. Die Petition bewies, dass Menschen auf YouTube bereit sind, nicht nur Witze zu hören und sich zu amüsieren, sondern auch nützliche Gespräche über Wissenschaft und die Zukunft zu führen. Die enorme Anzahl an Unterschriften bestätigte, dass die Beiträge nicht nur Einzelpersonen interessierten, sondern eine große Gemeinschaft, die denjenigen vertraut, die sie sieht und hört.
Für viele Creator war dies ein Moment des Stolzes, da ihre Stimme tatsächlich gehört und geschätzt wurde. Für Christoph wurde diese Petition zu einer sehr persönlichen Geschichte. Schließlich teilte er nicht nur das, woran er glaubte – indem er ehrlich und verständlich über Wissenschaft sprach –, sondern versuchte auch, Gerechtigkeit für alle zu erwirken. Dies war der Moment, in dem sich die Online-Welt mit der Realität verband. Und viele Anhänger des Kanals erkannten: Was als bescheidenes Video auf YouTube begann, ist in der Lage, verschiedene Situationen in der gesamten Gesellschaft zu beeinflussen.
Christoph Krachten und Fairtube: Schutz der Rechte von YouTubern

Im Jahr 2021 schloss sich Krachten der gemeinsam mit der Gewerkschaft IG Metall ins Leben gerufenen Initiative Fairtube an, nun jedoch als Interessenvertreter der Creator. Es ging um die Ansprüche von YouTubern und Kreativen, da sich viele Autoren auf YouTube schutzlos fühlten: Videos konnten gelöscht, Kanäle gesperrt und die Monetarisierung deaktiviert werden, oft ohne Erklärungen oder nur mit automatisierten Antworten. Durch den Beitritt zu Fairtube unterstützte Christoph Krachten faktisch die Idee, dass Creator ein Recht auf ihre Stimme, auf Schutz und auf für alle verständliche Regeln haben. Diese Tat war ein Beispiel dafür, wie Online-Aktivismus reale Veränderungen bewirkte.
Im selben Jahr änderte Krachtens Kanal seinen Namen erneut in Thanks4Giving. Und im Jahr 2024 startete Christoph ein neues Projekt zum Thema Elektromobilität. Der YouTuber vereinte weiterhin mehrere Rollen: Mitglied der Medienkommission der Deutschen Bischofskonferenz, Teilnehmer an zahlreichen öffentlichen Debatten über die Zukunft von Plattformen und Inhaber einer Bar in Berlin. Eine Karriere, die in Fernsehstudios und mit YouTube-Experimenten begann, führte den talentierten Christoph Krachten allmählich in die Rolle eines Beobachters und Kritikers des Systems, an dessen Erschaffung er selbst unmittelbar beteiligt war.
Hinter den Kulissen des YouTube-Erfolgs

Für viele deutsche YouTuber wurde Christoph Krachten nicht nur zu einem Kurator, sondern auch zu einem Symbol dafür, dass die digitale Szene ihre eigenen Regeln und Strukturen haben kann. Seine Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Plattformen und Mediennetzwerken gab ihm ein einzigartiges Verständnis dafür, wie Algorithmen und Monetarisierung die Karrieren von Autoren beeinflussen. Christoph beriet nicht nur neue Creator und half ihnen, typische Fehler zu vermeiden und Inhalte zu erstellen, die den Zuschauern gefielen und stabile Einnahmen brachten. Er popularisierte auch aktiv die Idee, dass YouTuber kein Hobby, sondern ein Beruf ist, der strategisches Denken, Marktkenntnisse und ein Verständnis der rechtlichen Aspekte bei der Arbeit mit der Plattform erfordert. Genau diese Position erlaubte es Krachten, im Zentrum der Medienbranche zu bleiben, Zugang zu neuen Projekten zu erhalten und gleichzeitig seine eigene Marke als Experte und Plattformkritiker zu formen.
Quellen:
- https://www.unitedcreators.net/
- https://www.facebook.com/krachten/
- https://www.youtube.com/user/Clixoom
- https://www.rowohlt.de/autor/christoph-krachten-21733
- https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/youtube-fairtube-1.5257083
- https://www.spiegel.de/netzwelt/web/mediakraft-christoph-krachten-verlaesst-die-geschaeftsfuehrung-a-1015691.html
- https://www.wissenschaftsjahr.de/2014/aktuelles/das-sind-deutschlands-digitale-koepfe/christoph-krachten.html
- https://www.youtube.com/watch?v=uyvZuvdM4pY