Montag, Februar 9, 2026

Stasi-Geheimnisse: Die digitale Rekonstruktion von DDR-Dokumenten in Berlin

Im Jahr 1989 begann der Zerfall des Stasi-Systems in Deutschland – der Geheimpolizei der DDR, die über Jahre hinweg Menschen überwachte. Im 21. Jahrhundert erinnern nicht nur die Archive an sie, sondern auch das Stasi-Museum, in dem Dokumente und Zeugnisse über die Arbeit der Geheimdienste aufbewahrt werden. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes konnten viele Deutsche zum ersten Mal erfahren, wie das System der totalen Kontrolle, der Denunziation und der verdeckten Überwachung funktionierte. Die Archive offenbarten persönliche Geschichten und Machtmechanismen, die lange Zeit im Verborgenen geblieben waren. Mehr dazu auf berlinfuture.

Als Wissenschaftler die Archive betraten, wurde bekannt, dass Stasi-Mitarbeiter einen erheblichen Teil der Dokumente noch vor dem Fall der Berliner Mauer vernichtet hatten. Ein Teil des erhaltenen Materials ist in den 2020er Jahren im Berliner Stasi-Museum sowie in den Räumlichkeiten des ehemaligen Stasi-Gefängnisses in Berlin zu sehen. Der Versuch, die teilweise vernichteten Dokumente wiederherzustellen, erwies sich als äußerst schwierig und dauerte Jahre. Zur Unterstützung der Wissenschaftler wurde 2013 in Deutschland ein spezielles Computerprogramm entwickelt, das die in Schnipsel zerrissenen Archive und Geheimdienstunterlagen automatisch wiederherstellte.

Stasi-Unterlagen im Visier

Die Entscheidung, die Stasi-Akten Anfang 1990 zu öffnen, war eine echte Zerreißprobe für Deutschland. Die Menschen fürchteten Missbrauch und die Verletzung der Privatsphäre. Damals fand der sogenannte „Runde Tisch“ statt – ein Treffen von Regierung, Opposition und Bürgerrechtsorganisationen, um über das Schicksal der Dokumente zu entscheiden. Bei diesem Treffen wurden Magnetbänder der Zentraldatei öffentlich vor laufenden Kameras geschreddert. Zurück blieb nur eine riesige Kartei mit über 5 Millionen Namen, die zwei große Säle in der Stasi-Zentrale füllte.

Erst später begriffen die Forscher, dass ohne die Öffnung der Akten die Wahrheit nicht ans Licht kommen würde. Dies zeigte sich deutlich am Fall von Wolfgang Schnur, dem Kandidaten der Partei „Demokratischer Aufbruch“ Anfang 1990. Dies geschah während des Wahlkampfs zur Volkskammer in Ostdeutschland. Stasi-Mitarbeiter streuten Gerüchte, Schnur hätte für sie gearbeitet, doch Bürgerkomitees überprüften die Archive und brachten die Wahrheit ans Licht.

Der Kampf um die Stasi-Archive

Nach den Wahlen zur Volkskammer im März 1990 bildeten sich zwei Regierungen: die der Westdeutschlands und die Ostdeutschlands unter der Leitung von Lothar de Maizière. Beide Regierungen strebten nach den Wahlen danach, die Akten zu schließen und sogar einen Teil der Dokumente zu vernichten. Die Innenminister Wolfgang Schäuble und Peter-Michael Diestel erklärten offen, dass sie Frieden und Amnestie anstrebten, und hielten dies im Einigungsvertrag fest.

Doch die Einwohner und Abgeordneten Ostdeutschlands leisteten Widerstand. Aktivisten, darunter Wolf Biermann und Bärbel Bohley, besetzten das Archiv in Berlin-Lichtenberg und drohten sogar mit Hungerstreik, um zu fordern, dass das Unterlagengesetz ein Bundesgesetz wird. Nach langen Verhandlungen gaben die Regierungen nach. Im Dezember 1991 verabschiedete der Bundestag das Stasi-Unterlagen-Gesetz, und ab dem 2. Januar 1992 erhielten die Opfer des sowjetischen Systems die Möglichkeit, Einsicht in ihre erhaltenen Akten zu nehmen.

Warum war es so schwer, die Stasi-Akten zu öffnen?

Als die Bürger der DDR in die Stasi-Räumlichkeiten eindrangen und einen Teil der Archive retteten, blieben fast 180 Kilometer unversehrte Dokumente und 15.000 Säcke mit Papierschnipseln und Resten übrig. Denn was die Stasi-Mitarbeiter nicht mit dem Aktenvernichter zerstören konnten, zerrissen sie von Hand. Aus diesen Fragmenten musste ein Gesamtbild dessen zusammengesetzt werden, was die Geheimpolizei über viele Jahre hinweg „geschrieben“ hatte. Mit dem Zusammensetzen dieses Puzzles wurde bereits 1995 begonnen, doch der Prozess dauert auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts an. Die Hauptarbeit wird manuell geleistet, was jedoch dadurch erschwert wird, dass nur noch 12 Mitarbeiter in der Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen verblieben sind.

Die Mitarbeiterin Ines Splettstößer erklärte Journalisten, dass das Zusammensetzen der Schnipsel eine sehr lange, schwierige und mühsame Arbeit sei. Es ist gut, wenn ein Dokument nur einmal zerrissen wurde. In anderen Fällen ist das Ergebnis schwer vorhersehbar, da viele Schnipsel auf verschiedene Säcke verteilt wurden. Einer der Projektleiter, Joachim Gösler, berichtete, dass sie zwei Jahre lang einen Sack sortierten, aber nicht alle Schnipsel finden konnten. Deshalb braucht es Zeit, bis die anderen an der Reihe sind, um das Fehlende aufzuspüren.

180 Kilometer Stasi-Geheimnisse

Das beim Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik in Auftrag gegebene Computerprogramm „ePuzzler“ nahm erst im Jahr 2013 den Betrieb auf. Zunächst werden die Papierschnipsel mit einem speziellen Gerät gescannt und in digitale Form umgewandelt. Die Fragmente erscheinen auf einem großen Bildschirm an der Wand, und das Programm beginnt, das Puzzle zusammenzusetzen. Projektleiter Nikolai Bertram erklärte Journalisten, dass jedes Dokumentenfragment seine eigenen besonderen Merkmale hat. Der Computer unterscheidet Farbe, Form, Papiersorte und stellt fest, ob der Text handschriftlich oder gedruckt ist. Danach wählt das Programm die Fragmente mit den meisten Übereinstimmungen aus.

Der lange Weg zur Wiederherstellung der Stasi-Archive

Der wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts, Robert Zimmermann, demonstrierte Journalisten das Programm „ePuzzler“ in Aktion. Mit nur wenigen Tastendrücken beginnen sich die Dokumentenschnipsel auf dem Bildschirm zu bewegen und setzen sich in nur wenigen Sekunden zu einem Mosaik zusammen. Für eine solche Arbeit benötigten die Projektmitarbeiter früher mehrere Monate.

Bevor das Programm auf vielen Computern eingesetzt wurde, wurde es auf Herz und Nieren geprüft. Eine weitere Schwierigkeit bestand darin, den Prozess des Reinigens, Glättens und Auflegens der Papierschnipsel auf den Scanner zu automatisieren. Bisher werden für diesen Prozess noch viele Menschen benötigt. Und auch insgesamt gibt es für die Spezialisten genug zu tun. Es muss entschieden werden, welche Dokumente zuerst wiederhergestellt werden sollen, Fehler müssen korrigiert werden, falls das Programm versagt, und die digitalisierten und zusammengesetzten Papiere müssen gedruckt und in Aktenordner einsortiert werden.

Warum muss Deutschland die vernichteten Stasi-Archive wiederherstellen?

Bereits Anfang 2009 betonte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass Fragen der Vergangenheit sehr aktuell bleiben und dass sich die Arbeit der Stasi-Unterlagen-Behörde wesentlich von einem gewöhnlichen Archiv unterscheidet. Denn die Aufdeckung der Wahrheit über die Diktatur in Ostdeutschland und ihre Geheimpolizei ist von entscheidender Bedeutung für das Selbstverständnis der Bundesrepublik nach dem „Jahrhundert der Extreme“. Forscher vermuten jedoch, dass sich die Perspektive mit der Zeit ändern wird, denn wenn die Vergangenheit nicht mehr so unmittelbar drängend ist, werden neue Fragen in den Vordergrund rücken.

Wenn zum Beispiel die Rekonstruktion der vernichteten Stasi-Archive abgeschlossen ist, können diese gründlich untersucht werden, um die Mechanismen zu analysieren, die zur Diktatur führen, die psychologische Manipulation von Menschen und deren Neigung, Feindbilder zu schaffen. Ebenso wichtig wird die Frage sein, wie eine Demokratie ihre Nachrichtendienste kontrollieren kann, um die Rechtsstaatlichkeit zu gewährleisten. Daher ist es äußerst wichtig, dass die Deutschen auch weiterhin persönlichen Zugang zu den Akten haben und wissenschaftliche Forschung betreiben können.

Von Dokumentenschnipseln zu Lektionen für die Demokratie

Die deutsche Regierung ist überzeugt: Die Arbeit mit diesen Dokumenten muss transparent bleiben, ohne die Grenzen zwischen Politik und wissenschaftlicher Forschung zu verwischen. Die Erfahrung der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus beweist, dass dies kein Nachlassen der Aufmerksamkeit für die Vergangenheit ist, sondern vielmehr ein neuer Blick darauf durch einen Perspektivwechsel. Das Bewusstsein für die Stasi-Vergangenheit verliert nicht an Bedeutung und hilft zu verstehen, wie Demokratie funktioniert und wie man die Wiederholung von Fehlern in der Zukunft verhindert.

So kann das Programm zur Wiederherstellung der Stasi-Dokumente „ePuzzler“ als Symbol dafür bezeichnet werden, dass die Vergangenheit nicht vergessen werden darf. Für Berlin bedeutet dies auch die Bewahrung der Erinnerung an jene Orte, an denen Menschen litten und sich einer harten Kontrolle unterwerfen mussten. Ganz Deutschland gab das Programm die Möglichkeit, aus den eigenen Erfahrungen zu lernen und zu sehen, wie Staat und Gesellschaft funktionieren, wenn die Rechte der Bürger verletzt werden. Und gleichzeitig die Stärke der demokratischen Ordnung zu spüren, die in der Lage ist, Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Das Programm setzt nicht nur Dokumentenschnipsel zusammen, sondern auch Geschichte, die die Gesellschaft bewusster und die Demokratie stärker macht.

Quellen:

  1. https://www.dw.com/uk/
  2. https://www.bpb.de/themen/deutsche-teilung/stasi/218942/die-stasi-aufarbeitung-dauerthema-oder-auslaufmodell/
  3. https://www.bbc.com/russian/international/2012/09/120914_stasi_jigsaw_puzzle
  4. https://www.dw.com/ru/konec-jepohi-dokumenty-shtazi-otpravljajutsja-v-arhiv/a-56961553

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