Montag, Februar 9, 2026

Wolfgang Coy – der Professor, der Kultur mit Code verband

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begannen Informationstechnologien eine Schlüsselrolle in der wissenschaftlich-technischen und wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands zu spielen. Berlin, als Hauptstadt und wissenschaftliches Zentrum, war eine der ersten Städte, in der eine systematische IT-Ausbildung aufgebaut wurde. Der Bedarf an Spezialisten für Informatik und digitale Technologien wuchs rasant, und die Universitäten übernahmen die Aufgabe, eine neue Bildungsstruktur zu schaffen. Mehr dazu auf berlinfuture.eu.

In diesem Prozess spielte Wolfgang Coy, Professor an der Humboldt-Universität, eine herausragende Rolle. Er wurde zu einer Schlüsselfigur in der Etablierung der akademischen Informatik im wiedervereinigten Berlin. Dank seiner Initiativen gelang es nicht nur, interdisziplinäre Informatikprogramme zu entwickeln, sondern auch eine neue Vision dieser Wissenschaft als geistes- und technikwissenschaftliches Feld zu formen. Coys Beitrag legte die ideellen und strukturellen Grundlagen der modernen IT-Ausbildung, die im 21. Jahrhundert die digitale Kultur Deutschlands prägt.

Der Code-Philosoph

Wolfgang Coy wurde 1947 geboren, studierte Mathematik, Physik und Informatik zunächst an der Universität Hannover, dann an der Universität Hamburg. Schon in den ersten Jahren seiner akademischen Laufbahn zeigte er sich nicht nur als Algorithmen-Ingenieur, sondern als Denker, für den Technologie in erster Linie eine Frage der Kultur war. Nach seiner Promotion lehrte er an der Technischen Universität Darmstadt, später an der Universität Bremen, wo er sich auf Programmierung und Modellierung komplexer Systeme konzentrierte.

Seine Talente konnte er jedoch erst in den 1990er Jahren voll entfalten, als er nach Berlin zog und dem Team der Humboldt-Universität beitrat. Dort wurde er Professor für Informatik und lehrte mit einem Schwerpunkt auf den kulturellen, philosophischen und ethischen Aspekten digitaler Technologien. In Berlin prägte Wolfgang Coy die Informatik faktisch als geisteswissenschaftliche Disziplin. Seine Kurse, Publikationen und die Teilnahme an öffentlichen Debatten gaben einer neuen Generation von Studenten Auftrieb, die Informatik nicht nur als Werkzeug, sondern auch als Denkweise im digitalen Zeitalter studierten.

Schmiede der Ideen und Geburtsort der neuen IT-Ausbildung

Die Humboldt-Universität zu Berlin ist nicht nur eine altehrwürdige Einrichtung mit einer langen Geschichte. Gegründet 1810, legte sie den Grundstein für ein neues Universitätsmodell, in dem Wissenschaft und Lehre untrennbar miteinander verbunden waren. Nach zahlreichen politischen Veränderungen, Kriegen und der Teilung Deutschlands fand gerade an der Humboldt-Universität eine der wichtigsten Transformationen statt – eine Wiederbelebung nach der Wiedervereinigung, die die Institution zu einem Zentrum für Innovation und akademische Entwicklung machte. Damals begann die Suche nach neuen Wegen, klassische Wissenschaften mit den Technologien der Zukunft zu verbinden.

Die IT-Ausbildung an der Humboldt-Universität ist eine Geschichte von kühnen Ideen und innovativen Ansätzen. Im Gegensatz zu rein technischen Kursen entwickelte sich dort ein einzigartiger Stil: Informatik als Wissenschaft nicht nur über Computer, sondern auch darüber, wie Technologien Gesellschaft, Kultur und sogar Ethik beeinflussen. Dank Dozenten wie Wolfgang Coy lernten die Studenten nicht nur Codes und Algorithmen, sondern auch, wie man denkt, komplexe Fragen stellt und Antworten jenseits der Technik sucht. Und dieses Arbeitsprinzip hat sich bis in die 2020er Jahre erhalten.

Coys Ideen für das digitale Zeitalter

Als Wolfgang Coy in den 1990er Jahren eine Forschungsgruppe leitete und Dekan der Fakultät für Mathematik und Naturwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin wurde, brachte er ein neues Denken mit sich. Die Einrichtung durchlief gerade eine post-vereinigungsbedingte Transformation und suchte eine neue akademische Identität, und Coy war genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Besondere Aufmerksamkeit widmete er dem kritischen Denken der Studenten. Die Kurse, in denen der Professor für Informatik lehrte, hatten nicht nur einen technischen, sondern auch einen meta-intellektuellen Teil: Er lehrte, zu verstehen, wie Technologien die Gesellschaft beeinflussen, warum ein Ingenieur die Verantwortung für den erstellten Code tragen muss. Coys wissenschaftliche Publikationen, darunter die bekannteste „Informatik: Eine einführende Kulturwissenschaft“ und zahlreiche Essays über die Interaktion zwischen Mensch und Maschine, legten den Grundstein für ein neues Paradigma der Informatik. Es ging nicht mehr nur um die Wissenschaft des Rechnens, sondern auch um die Wissenschaft des digitalen Seins.

Schwierigkeiten und Hindernisse

Als Wolfgang Coy begann, über Informatik als interdisziplinäre Wissenschaft zu sprechen, nahmen die meisten Wissenschaftler seine Argumente nicht an. In den 1980er und 1990er Jahren galt Informatik als rein technische Disziplin, und die Versuche des Professors, Programmierung mit Philosophie, Ethik, Geschichte und Kulturwissenschaften zu verbinden, stießen auf Unverständnis oder sogar direkten Widerstand. Seine Vision der digitalen Geisteswissenschaften schien für die „harten“ Wissenschaften zu „weich“. Nicht weniger schwierig war der Kampf innerhalb des Universitätssystems. Um Lehrpläne zu ändern, Kurse zu sozialen und ethischen Aspekten der IT einzuführen, musste Coy bürokratische Hürden überwinden, sich mit Kollegen aus verschiedenen Fakultäten einigen und Administratoren vom Wert seines Bildungsmodells überzeugen.

Darüber hinaus war die studentische Zuhörerschaft, die größtenteils praktische IT-Fähigkeiten erwerben wollte, nicht immer bereit für tiefgreifende Gespräche über die gesellschaftlichen Folgen von Algorithmen und philosophische Fragen der künstlichen Intelligenz. Coys Ideen passten nicht in die standardmäßigen Vorlesungspläne, daher musste er ständig überzeugen, dass Programmierung nicht nur Codierung, sondern auch ein kultureller Akt ist, der die Struktur des Denkens, der Sprache und des Alltags verändert. In seinen Vorlesungen verband der Professor die Theorie des Rechnens mit der Wissenschaftsgeschichte, der Technologiephilosophie und sogar der Literatur.

Ein Geisteswissenschaftler in der Welt der Computer

Doch trotz der Probleme gelang es Coy, eine Philosophie der IT-Ausbildung zu formen und das Fundament dafür zu legen, dass zukünftige Entwickler, Systemanalytiker und Wissenschaftler komplexe Fragen stellten und Antworten darauf nicht nur in Algorithmen suchten. In Studentenkellern wurde er immer als Dozent in Erinnerung behalten, der einen Kurs nicht einfach „absitzen“ ließ: Diskussionen waren obligatorisch, ebenso wie das Lesen nicht nur von Lehrbüchern, sondern auch von Texten von Michel Foucault, Norbert Wiener, Gilles Deleuze. Sein Lehrstil verband akademische Disziplin mit intellektueller Provokation. Die Studenten verließen den Hörsaal mit neuen Zweifeln und dem Wunsch, die Wahrheit zu finden, was der Professor auch erreichen wollte.

Zwischen Algorithmen und Ethik

Außerhalb des Hörsaals spielte Coy eine Schlüsselrolle bei der strukturellen Entwicklung der Fakultät für Informatik. In den Nachwendejahren, als es notwendig war, ost- und westakademische Traditionen zu integrieren, setzte er sich dafür ein, dass die Informatik einen zentralen Platz im geisteswissenschaftlichen Diskurs der Universität einnahm. Er förderte auch die Schaffung interdisziplinärer Programme, die Computerwissenschaften mit Soziologie, Philosophie und Wissenschaftsgeschichte verbanden.

Seine Stimme wurde nicht nur von Studenten, sondern auch von internationalen Experten gehört: Coy vertrat Deutschland in der Sektion „Computer und Gesellschaft“ der einflussreichen International Federation for Information Processing (IFIP). Bereits in den 1970er Jahren gehörte er zu den ersten zehn Gründern der Gesellschaft für Informatik (GI), die im 21. Jahrhundert Zehntausende von Spezialisten vereint. Im Jahr 2011 wurde Coy in die Reihen der prestigeträchtigen Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften aufgenommen, wo Wissenschaftler auf höchstem Niveau versammelt waren. Er war auch einer der Gründer des Hermann von Helmholtz-Zentrums für Kulturtechniken (HZK) – einer Plattform, auf der Informatik mit Kunst, Medien und Philosophie verbunden wird.

Darüber hinaus leitete Wolfgang Coy die Medienkommission des Akademischen Senats der Humboldt-Universität zu Berlin und wurde Mitglied des Beirats des Forums InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF). Er forschte im Bereich Kommunikation und war Mitglied des Vorstands der Alcatel-Lucent-Stiftung. Im Jahr 2018 wurde sein Beitrag zur Entwicklung einer ethischen und sozial verantwortlichen Informatik mit der Weizenbaum-Medaille des FIfF – einer der renommiertesten Auszeichnungen in diesem Bereich – gewürdigt.

Wie Ideen der Vergangenheit die digitale Zukunft prägten

Wolfgang Coy hinterließ nicht nur wertvolle wissenschaftliche Arbeiten, sondern auch ein Fundament für ein tieferes Verständnis der Informatik als kulturelle und geisteswissenschaftliche Disziplin. Sein Ansatz in Lehre und Forschung gab den Anstoß zur Entwicklung neuer interdisziplinärer Richtungen, die in den 2020er Jahren einen der wichtigsten Trends in der globalen IT-Ausbildung prägten.

Coys Ideen über die Verantwortung des Ingenieurs gegenüber der Gesellschaft und über die ethische Dimension von Technologien haben im Zeitalter der rasanten Entwicklung von künstlicher Intelligenz, Big Data und digitaler Transformation besondere Bedeutung erlangt. Gerade dank seiner Arbeiten entstand das Bewusstsein, dass Programmierung nicht nur eine technische Fertigkeit, sondern auch eine Frage der Ethik, Philosophie und Kultur ist. Und dies ist eine der wichtigsten Lektionen in der sich ständig wandelnden Welt der modernen Computertechnologien.

Quellen:

  1. http://waste.informatik.hu-berlin.de/coy/Wolf_english.html
  2. https://independent.academia.edu/WolfgangCoy
  3. https://www.youtube.com/watch?v=rf4c1Qge1Ik
  4. https://www.interdisciplinary-laboratory.hu-berlin.de/en/content/wolfgang-coy/index.html
  5. https://www.estudy.ru/countries/germany/higher-education/chto-vazhno-znat/article/berlinskiy-universitet-gumboldta/
  6. http://waste.informatik.hu-berlin.de/~coy/

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