Stellen Sie sich Deutschland als einen riesigen lebenden Organismus vor: Berlin ist das Herz, und der Deutsche Reichstag ist das Gehirn. Hier werden Gesetze verabschiedet, die die Geschicke des Landes lenken. Doch das war nicht immer so. Es gab Zeiten, in denen der Reichstag nicht die heutige zentrale Bedeutung für die deutsche Geschichte hatte. Das Magazin berlinfuture.eu beleuchtet die Geschichte des Baus dieses Gebäudes und seinen Einfluss auf die deutsche Nation.

Ursprung des Begriffs
Der Begriff „Reichstag“ tauchte erstmals in der Heiligen Römischen Reich auf und verbreitete sich später auf neu gegründete europäische Staaten. Ursprünglich bezeichnete er parlamentarische Versammlungen, die als Gegengewicht zur kaiserlichen Macht gegründet wurden. Der Reichstag bestand in der Heiligen Römischen Reich von 754 bis 1806. Später wurde der Begriff in verschiedenen Dokumenten verwendet, wie etwa im Verfassungsentwurf des Bundestags von 1848, der Frankfurter Reichsverfassung von 1849 und der Erfurter Unionsverfassung von 1849–1850. Im Norddeutschen Bund wurde der Begriff Reichstag ab 1867 verwendet und später in das Deutsche Kaiserreich, die Weimarer Republik und die NS-Zeit übernommen.
Während der Revolutionen des „Frühjahrs der Völker“ wurde der Begriff Reichstag auch in der Habsburgermonarchie verwendet, jedoch 1861 durch den Begriff „Reichsrat“ ersetzt.
Die Entscheidung für den Bau eines Parlamentsgebäudes
Nach dem Ende der Heiligen Römischen Reich 1815 entstand der Deutsche Bund, ein Zusammenschluss deutscher Staaten, der bis 1866 bestand. Anschließend wurde auf nahezu demselben Gebiet, jedoch ohne Österreich, der Norddeutsche Bund gegründet, der von Preußen dominiert wurde. Zentrum dieses Staates war Berlin.
Ab 1867 begannen die Vorbereitungen für die Institutionen des zukünftigen Deutschen Kaiserreichs. Der deutsche Reichstag tagte zunächst in Berlin in der Leipziger Straße 3. Aufgrund des Bevölkerungswachstums wurde das Gebäude jedoch bald zu klein, und der Reichstag zog in die Preußische Abgeordnetenkammer in der Leipziger Straße 75 um. Doch auch dieses Gebäude war zu klein. Am 19. April 1871 wurde beschlossen, ein neues Parlamentsgebäude zu errichten. Eine Kommission wurde eingerichtet, um einen geeigneten Standort zu finden, eine Bauplanung zu erstellen und einen Architekturwettbewerb auszurichten.

Die Suche nach einem geeigneten Standort
Zunächst wurde vorgeschlagen, das Gebäude auf dem Gelände der Königlichen Porzellanmanufaktur in der Leipziger Straße 4 zu errichten. Dieser Plan wurde jedoch aus unbekannten Gründen verworfen. Schließlich wurde ein Grundstück im Osten des Königsplatzes (heute Platz der Republik) gefunden. Dort stand jedoch der Palast des polnischen Grafen Athanasius Raczynski, eines Diplomaten und Kunstsammlers. Raczynski weigerte sich, das Grundstück zu verkaufen, und Kaiser Wilhelm I. wollte es nicht enteignen lassen.
Nach dem Tod von Graf Raczynski im Jahr 1881 verkaufte sein Sohn den Palast schließlich an den Staat. Ein neuer Architekturwettbewerb wurde 1882 ausgeschrieben, diesmal ausschließlich für deutschsprachige Architekten. 189 Projekte wurden eingereicht. Der Entwurf von Paul Wallot aus Frankfurt am Main wurde ausgewählt.

Der Bau des Reichstags
Am 9. Juni 1884 wurde der Grundstein für den Bau des Reichstags gelegt. Anwesend waren Kaiser Wilhelm I., sein Sohn Friedrich III., sein Enkel Wilhelm II., Militärs, Beamte und Abgeordnete. Der Bau wurde jedoch von Problemen begleitet, da der Architekt Paul Wallot strenge Vorgaben der Bauakademie und des preußischen Bauministeriums einhalten musste. Auch der Bau der zentralen Kuppel war umstritten. Ursprünglich sollte sie im westlichen Flügel errichtet werden, später einigte man sich auf eine zentrale Position. Die Kuppel wurde aus Stahl und Glas gefertigt, um Licht in den Plenarsaal zu lassen. Für den Bau der Kuppel war der Ingenieur Hermann Zimmermann verantwortlich.
Stil und Kritik
Der Reichstag wurde im Stil des Historismus erbaut, mit Elementen der italienischen Hochrenaissance, des deutschen Barocks und der Moderne (insbesondere die Kuppel). Zeitgenossen kritisierten dieses Stilmischmasch als inkonsequent. Konservative bemängelten die technische Umsetzung der Kuppel, während Reformer die massive Steinfassade als zu konservativ empfanden. Kaiser Wilhelm II. kritisierte die Kuppel, da sie höher war als die des Berliner Stadtschlosses, und nannte das Gebäude „eine Spitze des schlechten Geschmacks“.
Fertigstellung und Eröffnung
Am 5. Dezember 1894 wurde der Schlussstein gesetzt. Das Gebäude kostete 24 Millionen Goldmark (heute etwa 190,9 Millionen Euro). Technisch war der Reichstag auf dem neuesten Stand: Er hatte eine eigene Elektrizitätsversorgung, Zentralheizung, Lüftungsanlagen, doppelverglaste Fenster, Telefone und moderne Sanitäranlagen. Dennoch fehlte es an Platz für alle Abgeordneten, was besonders während der Weimarer Republik problematisch wurde.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Gebäude schwer beschädigt. Der Wiederaufbau begann erst in den 1960er-Jahren. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands fand hier 1990 die erste Sitzung des Bundestags statt.