Montag, Februar 9, 2026

Schatten von Weißensee: Das verlassene Kinderkrankenhaus in Berlin

Das Kinderkrankenhaus in Weißensee ist einer jener verlassenen Winkel Berlins, in denen Vergangenheit und Gegenwart in einer bizarren, fast mystischen Verflechtung aufeinandertreffen. Einst erfüllt von Kinderstimmen und Hoffnung, ist dieser Komplex im 21. Jahrhundert zu einem stummen Zeugen der Zeit geworden, umhüllt von Schatten, Graffiti und den Narben des Vandalismus. Wie auch andere verfallene Gebäude der Stadt hat sich das Haus in eine Art Spiegel der Berliner Geschichte verwandelt: unverhüllt, vielschichtig, schmerzhaft und lebendig. Mehr dazu auf berlinfuture.

Trotz des Verlusts vieler Dokumente erzählt die Architektur des Krankenhauses ihre eigene Geschichte weiter – ergreifend, voller menschlicher Schicksale und einer Erinnerung, die sich nicht auslöschen lässt. Dieser Ort zieht Fotografen und Abenteurer an, obwohl an der Adresse Hansastraße 170-180 keine offiziellen Führungen stattfinden.

Der kaiserliche Traum von der Kindergesundheit

Das Kinderkrankenhaus in Weißensee ist längst zu einem fast legendären Ort geworden. Sein trauriges Schicksal hallt in den Fluren wider, wo man einst die Schritte der Mediziner und das Weinen der Säuglinge hören konnte. Errichtet als Musterbeispiel modernen medizinischen Denkens, verwandelte sich das Krankenhaus mit der Zeit in einen verwahrlosten Schatten seiner selbst – eine verlorene Insel der Erinnerung im Meer der Großstadt. In diesem Berliner Bezirk nennt man es das „traurigste Denkmal Pankows“, und das ist keine Übertreibung. Der einstige Stolz der preußischen Medizin beeindruckt die heutigen Berliner durch seine schweigsame Leere.

In Berlin entstand diese Einrichtung in einer Epoche großer Hoffnungen. Kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs wurde der Gesundheitszustand von Säuglingen zur Priorität für die damalige Gemeinde Weißensee. Zu jener Zeit gehörte dieser Ort noch nicht zu Berlin. Die Gemeindeverwaltung, alarmiert durch die hohe Säuglingssterblichkeit, machte sich an die Schaffung einer Einrichtung, die den kühnsten medizinischen Standards der damaligen Zeit entsprechen sollte.

Insel der Gesundheit

Die Aufgabe, die Klinik zu entwerfen, wurde Carl Buring anvertraut – einem jungen, ambitionierten und talentierten Architekten, der seit 1906 als Gemeindebaumeister tätig war. Er plante den Komplex nicht als gewöhnliches Krankenhaus, sondern als eine medizinische Zitadelle, die in mehreren Etappen errichtet wurde und vom Geist des Fortschritts beseelt war. Im Jahr 1909 wurde auf einem weitläufigen Grundstück von 28.000 Quadratmetern der Grundstein gelegt. Und bereits am 8. Juli 1911 feierte das Kinderkrankenhaus Weißensee feierlich seine Eröffnung.

Zur Zeremonie reisten renommierte Ärzte aus Europa und Amerika an – Teilnehmer eines internationalen Kongresses für Säuglingspflege. Die Zeitungen schrieben, das Kinderkrankenhaus in Weißensee sei eine der modernsten medizinischen Einrichtungen Europas. Der Komplex war tatsächlich beeindruckend: Hauptgebäude, Hörsaal für Ärzte und Krankenschwestern, Isolierstation für Diphtherie- und Keuchhusten-Patienten, Kapelle, Wirtschaftsgebäude, Leichenhalle und sogar Ställe mit einer Wagenremise – all das bestätigte die Großartigkeit des Vorhabens.

Innovationen für die medizinische Welt

Doch am meisten überraschten die Gäste die für die Medizin ungewöhnlichen Innovationen. Das Krankenhaus verfügte über einen eigenen Kuhstall für 36 Kühe und eine Molkerei, um die Kleinen und ihre Mütter mit der frischesten Milch zu versorgen – ein seltener Luxus für jene Zeit. Beim Bau des Komplexes wurde auch ein speziell entworfener Kurpark berücksichtigt, in dem Erwachsene und kleine Patienten neue Kraft schöpfen konnten. Es war eine wahre Insel der Gesundheit, erbaut in Zeiten, als sich die Medizin erst entwickelte.

In der Ära der Weimarer Republik erlebte das Krankenhaus Veränderungen. Im Jahr 1920 wurde Weißensee nach Berlin eingemeindet, weshalb der Molkereibetrieb ausgegliedert wurde. Später transformierte sich das Unternehmen in das bekannte „Milchwerk Heinersdorf“, das Ost-Berlin bis in die Zeit der Wiedervereinigung mit Milch versorgte. Doch trotz der Veränderungen wuchs das Krankenhaus weiter. 1931 wurde es auf 80 Betten erweitert, 1934 wurde diese Zahl auf 100 erhöht. An jene Zeiten erinnern in Museen erhaltene Fotografien des Kinderkrankenhauses Berlin-Weißensee.

Feuer und Stille

Aber die Pläne für die weitere Entwicklung wurden durch den Zweiten Weltkrieg jäh unterbrochen. Obwohl die Ärzte bis zuletzt kämpften und unter unmenschlichen Bedingungen arbeiteten, wurde das Gebäude selbst durch Bombenangriffe zerstört. Davon war in einem Bericht vom Mai 1945 die Rede, den Berliner Stadtbeamte verfassten. Sie merkten an, dass sogar der Abtransport der Leichen fast unmöglich geworden war: Es fehlte an Transportmitteln, Werkzeugen und Personal; die Leichenhalle lag in Trümmern. Deshalb mussten 20 Kinder in einem Massengrab direkt auf der Rasenfläche hinter dem Krankenhaus beigesetzt werden. Die Isolierstation für Infektionskrankheiten erstarrte als fensterloses Skelett wie eine stumme Wunde.

Doch trotz der schweren Zerstörungen ließ die Stadt nicht zu, dass das Kinderkrankenhaus verschwand. Sofort nach dem Krieg wurde es langsam wieder aufgebaut, und die Einrichtung begann erneut, kleine Patienten und ihre Mütter aufzunehmen. Zu DDR-Zeiten blieb das Kinderkrankenhaus Berlin-Weißensee ein wichtiges medizinisches Zentrum des Bezirks. Die letzte große Geste staatlicher Aufmerksamkeit war der Bau eines neuen Traktes Mitte der 1980er Jahre. Der Grundstein wurde 1985 gelegt, und bereits im Oktober 1987 fand die feierliche Eröffnung statt.

Der ruinierte Stolz von Berlin

Die Wiedervereinigung Deutschlands brachte neben großen Hoffnungen auch schwierige Entscheidungen mit sich. Im Jahr 1997 beschloss der Berliner Senat aus finanziellen Erwägungen, das Krankenhaus zu schließen. Was mit den Gebäuden geschehen sollte, wusste damals niemand. Und genau diese Ungewissheit wurde zum Beginn eines langsamen und gnadenlosen Verfalls. Das Gelände verwandelte sich allmählich in eine Ruine: eingeschlagene Fenster, fehlende Türen, zerbrochene Zäune, Löcher im Dach, verstreute Ziegel – alles erinnerte an eine verwüstete Landschaft nach einer Schlacht. Seit 1997 ist das Krankenhaus ein klassischer „Lost Place“ in Berlin.

Zunächst versuchte der Senat, den Komplex zu retten, indem er ihn an das Unternehmen MWZ Bio-Resonance verkaufte. Doch die versprochenen zehn Millionen an Investitionen und der Plan zur Eröffnung eines Krebsforschungszentrums blieben nur auf dem Papier. Das Gelände verfiel, wucherte zu und wurde gefährlich. Im Jahr 2015 gewann das Land Berlin die Klage auf Rückabwicklung des Vertrags – das Krankenhaus ging formell wieder in staatlichen Besitz über. Die Verantwortung für das Objekt übernahm die BIM Berliner Immobilienmanagement GmbH, die eine minimale Sicherheit gewährleisten, Dächer reparieren und darauf achten sollte, dass die Gebäude nicht einstürzen. Doch trotz der Kontrollen fügten das Eindringen von Abenteurern, Brandstiftungen und Vandalismus den Häusern erheblichen Schaden zu.

Rätsel und Legenden der Vergangenheit

Die Ruinen des Kinderkrankenhauses Weißensee bewahren auch etliche Legenden. Urbexer und Fotografen von „Abandoned Berlin“ und „Go2Know“ erzählten, dass in den leeren Fenstern manchmal Silhouetten von Krankenschwestern auftauchen – unheilvoll und zugleich traurig. In den Foren von „lostplaces.de“ stritten Dutzende Teilnehmer über unterirdische Gänge, die angeblich die Leichenhalle mit den Wirtschaftsgebäuden verbinden. Und in Blogs über DDR-Architektur werden von Zeit zu Zeit „geheime medizinische Experimente“ erwähnt, die zwar nicht dokumentarisch belegt sind, dem Ort aber eine Aura des Geheimnisvollen verleihen.

Nur eine Legende hat einen wahren Kern – die von den 20 im Massengrab beerdigten Kindern. Diese Tatsache bestätigen Nachkriegsberichte des Bezirksarchivs Pankow. Selbst über den Brand im Jahr 2009 kursierten diverse Gerüchte; einige Stadtbewohner brachten ihn mit der Rache jenseitiger Kräfte in Verbindung. Später gab es Versionen über ein Zeitloch, da einige Anwohner damals angeblich „unerklärliche Explosionen“ gehört hatten. Die Polizei bestätigte später jedoch den Fakt der Brandstiftung.

Zwischen Traum und Realität

In den 2010er Jahren kamen erste lichte Ideen für ein neues Leben des verlassenen Areals auf. Die Bezirksverordnetenversammlung prüfte sogar die Möglichkeit, dort eine moderne öffentliche Schule zu bauen. Experten bestätigten: Theoretisch ist das möglich. Doch dazu kam es nicht; 2024 wurde das Projekt wegen Finanzierungsmangels eingestellt.

In den 2020er Jahren sind die Bezirksbehörden erneut gezwungen, nach Wegen zur Lösung des Problems zu suchen: Soll man das Gelände privaten Investoren überlassen oder als Teil der Stadtgeschichte bewahren? Denn das Kinderkrankenhaus in Weißensee ist nicht einfach nur ein verfallenes Gebäude. Es ist ein Symbol der Zeit, die fähig ist zu heilen und zu zerstören, Hoffnung zu schenken und sie zu nehmen. Ein Ort, der auf seine zweite Geburt wartet – wenn Berlin es wagt, sie ihm zu schenken.

Quellen:

  1. https://www.berlin.de/museum-pankow/geschichte-vor-ort/fast-vergessen/weissensee/artikel.1066093.php
  2. https://www.abandonedberlin.com/stories/zombie-hospital
  3. https://www.morgenpost.de/bezirke/pankow/article404415883/lost-places-kinderkrankenhaus-berlin-weissensee-historie-geschichte.html
  4. https://www.entwicklungsstadt.de/stillstand-durch-sparkurs-warum-das-kinderkrankenhaus-weissensee-weiter-verfaellt/

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