Montag, Februar 9, 2026

Kühne Experimente der Berliner Architekten in der Mitte des 20. Jahrhunderts

Außergewöhnliche architektonische Bauwerke gibt es in vielen europäischen Städten, doch Berlin gilt unter Fachleuten als die Stadt mit den meisten dieser Konstruktionen. Nach den schweren Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wurde die Stadt, aufgeteilt zwischen Ost und West, nach verschiedenen architektonischen Konzepten wieder aufgebaut. Ganze historische Viertel, die den Bombenangriffen zum Opfer fielen, wurden zu Experimentierfeldern für Architekten, die unter sowjetischer Leitung arbeiteten. Einige dieser einzigartigen Gebäude blieben nach dem Fall der Berliner Mauer erhalten und erfüllen auch heute noch ihre Funktion. Mehr dazu auf berlinfuture.eu.

Der „Mäusebunker“ – Ein Relikt des Brutalismus

Über Jahrzehnte hinweg nannten die Berliner dieses Bauwerk „Mäusebunker“. Die geschlossene wissenschaftliche Laboranlage gilt als eines der wichtigsten Beispiele des späten Brutalismus – aber auch als eine der schrecklichsten Nachkriegskonstruktionen der Moderne. Entworfen wurde das Gebäude vom Berliner Architekten Gerd Hänska für die Freie Universität Berlin, die damals ein Labor für Tierversuche benötigte.

Ein funktionales, aber umstrittenes Design

Die Sicherheitsanforderungen zwangen die Planer dazu, die Labore tief im Gebäude zu verankern und mit einer speziellen Belüftung auszustatten – über riesige Lufteinlässe, die wie Kanonenrohre aus den Wänden ragen. Die Konstruktion begann 1971 und dauerte bis 1981. Die massiven Wände, die an ägyptische Pyramiden erinnern, haben schmale Fenster, um den direkten Lichteinfall zu verhindern.

Da sich der Bau als extrem teuer erwies, wurde 1978 beschlossen, die weiteren Pläne für zentrale Tierlabore einzustellen. Nach dem Mauerfall verlor die Freie Universität das Interesse an der Anlage, und das veterinärmedizinische Institut zog in ein moderneres Gebäude um. In den 1990er Jahren diskutierte die Stadtverwaltung darüber, das Gelände für den Wohnungsbau freizugeben. Doch internationale Architekten und Historiker setzten sich für den Erhalt ein. Seit 2020 gibt es Diskussionen darüber, den „Mäusebunker“ unter Denkmalschutz zu stellen und ihn in ein Museum für Brutalismus-Architektur zu verwandeln – bislang jedoch ohne endgültige Entscheidung.

Kirchen des sowjetischen Zeitalters im Stil des Modernismus

Paul-Gerhardt-Kirche und St.-Norbert-Kirche

Zu diesen Bauwerken gehören die Paul-Gerhardt-Kirche und die St.-Norbert-Kirche, die beide im Berliner Stadtteil Schöneberg stehen. Die ursprüngliche Paul-Gerhardt-Kirche, erbaut 1908 von Richard Schulze-Naumburg, wurde im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört – nur massive Fundamentmauern und ein markanter runder Turm blieben erhalten.

Ähnlich erging es der St.-Norbert-Kirche, die 1916 fertiggestellt wurde. Ihre neoromanische Architektur mit zwei hohen Türmen fiel den Bombenangriffen zum Opfer, und um die Straße zu erweitern, mussten die verbliebenen Türme abgetragen werden. Ende der 1950er Jahre beauftragte der Bischöfliche Ordinarius die Architekten Hermann Fehling und Daniel Gogel mit der Neugestaltung beider Sakralbauten.

Eine neue Vision für die Kirchenarchitektur

Die Architekten entwarfen moderne Gebäude, die sich deutlich von traditionellen Kirchenbauten unterschieden. Der Umbau der Paul-Gerhardt-Kirche begann 1958 und wurde 1961 abgeschlossen – mit einer feierlichen Glockenweihe. Heute bildet die Kirche zusammen mit der St.-Norbert-Kirche und umliegenden Gebäuden ein architektonisches Ensemble, das die Einflüsse der Nachkriegsmoderne widerspiegelt.

Der medizinische Komplex „Charité“ – Benjamin Franklin Campus

Die Berliner Charité ist eine der ältesten und renommiertesten Universitätskliniken Europas. Ihre Ursprünge reichen bis 1727 zurück, als Friedrich Wilhelm I. ein Militärhospital mit einer medizinischen Ausbildungsstätte errichten ließ. Über die Jahrzehnte hinweg wurde die Einrichtung mehrfach umgebaut, bis sie im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde.

Nach der Teilung Berlins fiel die Charité in den Ostteil der Stadt, doch die DDR-Führung entschied sich, eine neue moderne Klinik auf sicherem Terrain zu errichten. 1954 begann der Bau mit finanzieller Unterstützung der Benjamin Franklin Stiftung aus den USA. Die neue Universitätsklinik vereinte erstmals Forschung, Lehre und Patientenversorgung unter einem Dach.

Heute ist das Charité Benjamin Franklin Krankenhaus eines der größten medizinischen Zentren Europas. Es umfasst über 100 spezialisierte Kliniken und Institute und ist führend in der Forschung zu neurodegenerativen Erkrankungen und Demenz.

„Bierpinsel“ – Das futuristische Wahrzeichen von Steglitz

Der Bierpinsel, ein auffälliger Turmbau im Berliner Stadtteil Steglitz, zieht mit seiner ungewöhnlichen Architektur und seinen kräftigen Farben sofort die Aufmerksamkeit auf sich. Das Ehepaar Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte entwarf das Gebäude 1976, inspiriert von den Trends der Pop-Art und Futurismus-Architektur der 1970er Jahre.

Doch die Umsetzung war problematisch: Die erste Baufirma ging 1974 bankrott, nachdem sie bereits 5 Millionen D-Mark investiert hatte. Schließlich übernahm das Unternehmen Bewoge das Projekt, und der Turm wurde zu einem Zentrum für Gastronomie und Nachtleben.

Von der Trend-Ikone zur leeren Hülle

Anfangs war der Bierpinsel äußerst beliebt, mit Restaurants, Bars und einem Sportclub. Doch 2006 musste der Betrieb eingestellt werden. Die Immobilie wurde von der Familie Laternsers übernommen, die 2010 internationale Künstler einlud, den Turm im Rahmen des „Turmkunst“-Projekts neu zu gestalten.Doch auch das konnte das Gebäude nicht dauerhaft retten. 2021 kaufte die Immoma Group den Bierpinsel, um ihn in ein modernes Bürogebäude umzuwandeln. Die Umbaumaßnahmen laufen noch, doch es bleibt abzuwarten, ob das Gebäude erneut zum Publikumsmagneten wird.

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