Eine Tour über einen Friedhof klingt zunächst wenig verlockend. Doch in Berlin, einer Stadt voller Geschichte, gehören auch diese besonderen Orte zu den spannendsten Sehenswürdigkeiten. Deutsche Bestattungstraditionen, prachtvolle Grabsteine aus dem 18. und 19. Jahrhundert und die Ruhestätten bedeutender Persönlichkeiten machen Friedhofsbesuche zu einer echten Zeitreise. Berlin verfügt über 230 klassische Friedhöfe, darunter auch sogenannte „Friedwälder“, in denen die Asche Verstorbener in speziellen Urnen begraben wird. Doch einer der ältesten und geschichtsträchtigsten Friedhöfe der Hauptstadt ist der Invalidenfriedhof. Mehr dazu auf berlinfuture.eu.
Wie entstand der Invalidenfriedhof?

Seinen Namen erhielt der Invalidenfriedhof im Jahr 1824, als König Friedrich II. ein besonderes Areal für die Gräber der Helden der preußischen Armee auswies. Der Friedhof lag in unmittelbarer Nähe des Invalidenhauses, einer Einrichtung für Veteranen des Österreichischen Erbfolgekrieges. Eine Beisetzung an diesem Ort galt damals als große Ehre.
Das Invalidenhaus besaß sowohl eine protestantische als auch eine katholische Kirche. Daher fanden auf dem Friedhof sowohl katholische als auch evangelische Bestattungen statt.
Nach den Befreiungskriegen 1813–1815 wurden dort hauptsächlich hochrangige Offiziere beigesetzt, doch auch Zivilisten fanden dort ihre letzte Ruhestätte. Im 19. Jahrhundert machten die Gräber der Invalidenhaus-Bewohner etwa ein Drittel der insgesamt 30.000 Bestattungen aus – die restlichen zwei Drittel gehörten Zivilisten. Später wurden hier auch gefallene Soldaten der Revolution von 1848, bedeutende Bürger Berlins und Schwestern des St.-Augustinen-Spitals beigesetzt. Da der Platz nicht mehr ausreichte, musste der Friedhof nach 1870 erweitert werden.
Gräber bedeutender Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts

Während des Ersten Weltkriegs und der Weimarer Republik blieb der Invalidenfriedhof eine bedeutende Ruhestätte. 1925 wurde hier das Grab des berühmten Fliegerasses Manfred von Richthofen, besser bekannt als „Der Rote Baron“, eingerichtet.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten entstand eine eigene Ehrenallee, auf der u. a. Feldmarschall Walter von Reichenau, der ehemalige Heeresbefehlshaber Werner von Fritsch, das Fliegerass Werner Mölders, Luftwaffenchef Ernst Udet, Rüstungsminister Fritz Todt und General Rudolf Schmundt, der beim Bombenattentat auf Hitler ums Leben kam, beigesetzt wurden. Außerdem entstand ein Massengrab für die Opfer der alliierten Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg.
Die Jahre im sowjetischen Sektor

Nach dem Krieg lag der Invalidenfriedhof im sowjetischen Sektor – mit gravierenden Folgen. Die neue kommunistische Verwaltung ließ alle Gräber nationalsozialistischer Persönlichkeiten umgehend entfernen. Viele Grabstätten wurden zerstört.
Bis 1951 wurden nahezu alle Gräber, die vor 1925 entstanden waren, eingeebnet. Als sich Berliner Bürger gegen diese Maßnahmen beschwerten, wurde der Friedhof kurzerhand geschlossen.
Da der Friedhof unmittelbar an die Berliner Mauer grenzte, erklärte die DDR-Regierung große Teile des Areals zur Grenzzone. Bei Beginn des Mauerbaus im August 1961 gab es noch rund 3.000 Gräber, doch viele davon lagen in der „Todeszone“. Die DDR-Führung nutzte dies als Vorwand, um systematisch weitere Gräber zu beseitigen. Bis zur deutschen Wiedervereinigung waren nur noch 200 Grabstätten erhalten geblieben.
Der Versuch der Wiederherstellung

Trotz der Zerstörungen gelang es, Teile der Berliner Mauer, die den Friedhof einst teilte, als Gedenkstätte Berliner Mauerweg zu erhalten. Besonders wertvoll ist das noch erhaltene Grabmal von General Gerhard Johann David von Scharnhorst – ein monumentaler Marmorsarkophag mit einer über fünf Meter hohen Basis.
Das Denkmal wurde 1834 vom berühmten Architekten Karl Friedrich Schinkel entworfen, während der Bildhauer Friedrich Tieck die Reliefdarstellungen aus dem Leben Scharnhorsts anfertigte. Der ruhende Löwe auf dem Relief basiert auf einem Modell von Christian Daniel Rauch aus dem Jahr 1828.
Auch die kunstvollen Grabmale berühmter preußischer Offiziere wie Hans Karl von Winterfeldt und Kriegsminister Karl Ernst von Witzleben sind erhalten geblieben.
Die sterblichen Überreste von Manfred von Richthofen wurden 1975 von seinen Nachkommen auf den Familienfriedhof in Wiesbaden umgebettet. Doch Berliner Bürger errichteten am ursprünglichen Standort einen Gedenkstein. Zudem wurden Gedenktafeln für die Opfer der Luftangriffe und die Berliner Widerstandskämpfer gegen Hitler wiederhergestellt.
Gedenken und Erhaltung des Invalidenfriedhofs

Im Juni 2013 wurde der restaurierte Invalidenfriedhof feierlich wiedereröffnet. Eine der bedeutendsten Neuerungen war die Aufstellung der historischen Glocke der Gnadenkirche – einer Kirche aus dem Jahr 1890, die während des Zweiten Weltkriegs schwer beschädigt und später von der DDR-Führung vollständig zerstört wurde.
Die gerettete Glocke wurde auf einem eigens errichteten Glockenturm im Zentrum des Friedhofs installiert. Heute gilt der Invalidenfriedhof als Gedenkstätte für die Opfer des 20. Jahrhunderts.Historiker betonen, dass sowohl die erhaltenen Reste der Berliner Mauer als auch die alten Grabsteine und Denkmäler bewahrt werden müssen – als Mahnmal für die Nachwelt und als Erinnerung an die Lehren des 20. Jahrhunderts.